1. Dezember

"Soweit ich zurückschaue, sehe ich mich als Jungfrau... Ich erinnere mich nicht an die Stunde, da ich geboren wurde; auch nicht daran, wie ich langsam begann, meine Mutter zu lieben und zu meinem Vater zu sagen: 'O Vater, ich bin deine Tochter...' Aber ich erinnere mich, obwohl ich nicht sagen kann, wann es geschah, dass ich Gott mein Herz geschenkt habe. Vielleicht war es beim ersten Kuss, den ich zu geben vermochte, beim ersten Wort, das ich sprechen, beim ersten Schritt, den ich machen konnte... Ja, ich glaube, dass die erste Erinnerung an diese Liebe mit meinen ersten, sicheren Schritten verbunden ist..."

 

 

2. Dezember

Maria zum Hl. Josef bei der Vermählung:

"Seit meiner Kindheit habe ich mich dem Herrn geweiht. Ich weiß, dass man so etwas in Israel nicht tut. Aber ich hörte eine Stimme, die meine Jungfräulichkeit als Opfer forderte, aus Liebe zum kommenden Messias. Schon so lange wird Er erwartet in Israel!... Es ist nicht zu viel, um seinetwillen auf die Mutterschaft zu verzichten!"

Hl. Josef:

"Und ich vereinige mein Opfer mit dem deinen, und wir werden uns lieben, wie die Engel sich lieben. Wir werden mit unserer Keuschheit den Ewigen so sehr lieben, dass er der Erde den Erlöser schneller schickt und uns erlaubt, sein Licht in der Welt leuchten zu sehen."

 

 

3. Dezember

"Als ich die Aufgabe verstand, zu der Gott mich berufen hatte, war ich von Freude erfüllt. Mein Herz öffnete sich wie eine verschlossene Lilie. Welch eine Freude, Mutter zu sein!"

 

 

4. Dezember

"Wie sollte ich Josef nun sagen, dass ich Mutter geworden war? Ich suchte nach Worten, um es ihm anzukündigen. Eine schwierige Aufgabe! Denn ich wollte mich nicht der Gabe Gottes rühmen und ich konnte in keiner Weise meine Mutterschaft rechtfertigen, ohne zu sagen: 'Der Herr hat mich geliebt unter allen Frauen und er hat mich, seine Magd, zu seiner Braut erhoben.' Ihn täuschen durch die Verheimlichung meines Zustandes, das wollte ich ebenfalls nicht.

Während ich betete, sprach der Heilige Geist, von dem ich nun erfüllt war, zu mir: 'Schweige! Überlasse mir die Aufgabe, dich bei deinem Bräutigam zu rechtfertigen!' Wann? Wie? Ich hatte nicht danach gefragt. Ich hatte mich immer Gott anvertraut. Nie hatte mich der Ewige ohne Hilfe gelassen. Seine Hand hatte mich aufgerichtet, geschützt und geführt bis hierher. Er würde es auch weiter tun.“

5. Dezember

"Wenig der Zahl nach, aber furchtbar in der Intensität waren die drei Tage der Passion Josefs, die auch die meine war. Meine erste Passion. Obwohl ich seinen Schmerz kannte, konnte ich ihn in keiner Weise davon befreien aus Gehorsam gegenüber dem Beschluss Gottes, der mir gesagt hatte: 'Schweige!'

Und als wir in Nazareth angekommen waren und ich sah, wie er nach einem kurzen Gruß wegging, gebeugt und wie in kurzer Zeit gealtert, und abends nicht mehr zu mir kam, wie es sonst seine Gewohnheit war: ich sage euch, meine Kinder, mein Herz weinte in heftigem Schmerz. Eingeschlossen in meinem Haus, allein, im Haus, wo mich alles an die Verkündigung und Menschwerdung erinnerte, und an Josef, der in einer unversehrten Jungfräulichkeit mit mir verlobt war, musste ich der Entmutigung widerstehen, den Einflüsterungen Satans, und hoffen, hoffen und hoffen. Und beten, beten und beten. Und verzeihen, verzeihen und verzeihen, dem Verdacht Josefs, dem Aufwallen seiner scheinbar berechtigten Entrüstung. Kinder: man muss hoffen, beten und verzeihen, um die Gnade zu erhalten, dass Gott zu unseren Gunsten eingreift.“

6. Dezember

"Josef, ich habe dir etwas zu sagen. Ich habe Nachricht erhalten, dass unsere Verwandte Elisabeth, die Frau des Zacharias, bald einen Sohn haben wird..."

Josef macht große Augen und sagt: "In diesem Alter?"

"In diesem Alter!", antwortet Maria lächelnd. "Der Herr vermag alles. Und jetzt hat er unseren Verwandten diese Freude schenken wollen."

"Wie hast du es erfahren? Ist die Nachricht sicher?"

"Ein Bote ist gekommen, einer, der nicht lügen kann. Ich möchte zu Elisabeth gehen, um ihr zu helfen und ihr zu sagen, dass ich mich mit ihr freue. Wenn du erlaubst..."

"Maria, du bist meine Frau und ich bin dein Knecht. Alles, was du tust, ist gut getan. Wann willst du abreisen?"

"So schnell wie möglich. Aber ich werde mehrere Monate abwesend sein."

"Und ich werde die Tage zählen bis zu deiner Rückkehr, ziehe unbesorgt! Für dein Haus und deinen kleinen Garten werde ich sorgen. Du wirst deine Blumen so schön vorfinden, wie wenn du sie gepflegt hättest."

7. Dezember

"Wenn Gott mir nicht gesagt hätte: 'Schweige!', hätte ich vielleicht gewagt, mit zu Boden gerichtetem Blick Josef zu sagen: 'Der Geist Gottes hat mich durchdrungen und in mir ist der Keim Gottes'; und er hätte mir geglaubt, weil er mich schätzte und weil er wie alle, die nie lügen, nicht glauben konnte, dass ich log. Ja, nur um ihn in Zukunft nicht zu betrüben, hätte ich das Widerstreben überwunden, mir dieses Lob zu spenden. Aber ich gehorchte dem göttlichen Gebot. Und von diesem Augenblick an habe ich monatelang die erste Wunde verspürt, die mein Herz zum Bluten brachte. Der erste Schmerz meines Anteils als Miterlöserin. Ich habe ihn geopfert und erduldet, um zu sühnen und euch eine Verhaltensnorm für eure Schmerzensaugenblicke zu geben: die Notwendigkeit des Schweigens bei einem Ereignis, das euch in ein schlechtes Licht stellt bei dem, den ihr liebt.

Sollte auch die ganze Welt gegen euch sein, Er wird euch verteidigen bei dem, der euch liebt; Er stellt die Wahrheit ins Licht."

8. Dezember

"Ich wusste nichts davon, makellos zu sein. Ich hätte das noch nicht einmal denken können. Allein der Gedanke wäre ja Anmaßung und Hochmut gewesen, denn da ich von menschlichen Eltern geboren worden war, konnte ich mir nicht vorstellen, dass gerade ich die Erwählte, die 'Makellose' sein sollte.

 

In meinem Stande als Unbefleckte besaß ich alle Gnadengaben Gottes. Ich wusste freilich nicht, dass ich unbefleckt war, und doch waren alle diese Gaben in meiner Seele tätig und verliehen mir geistliche Kräfte."

9. Dezember

Josef und Maria machen sich auf den Weg nach Jerusalem und von dort zum Haus des Zacharias. Josef ist mit einem großen Mantel bekleidet, Maria eingehüllt in eine Art gestreiften Schal, denn der Morgen ist sehr frisch. Sie befinden sich auf freiem Feld und reiten nebeneinander. Sie sprechen selten. Josef denkt an seine Arbeit, und Maria folgt den Gedanken, in die sie versunken ist, und lächelt dabei. Sie lächelt, auch wenn sie aus ihrer Sammlung heraustretend den Blick über die Umgebung schweifen lässt. Bisweilen schaut sie auf Josef; ein Hauch von wehmütigem Ernst verschleiert dann ihr Gesicht. Ihr Lächeln kehrt wieder zurück, wenn sie ihren fürsorglichen Bräutigam betrachtet, der wenig spricht und nur, um Maria zu fragen, ob sie bequem sitze und nichts benötige.

10. Dezember

Ich mache dich und den Leser nur aufmerksam auf die ständige Gewohnheit Josefs und meiner selbst, stets dem Gebet den ersten Platz einzuräumen. Müdigkeit, Eile, Sorgen und Beschäftigungen waren Dinge, die uns eher dazu anspornten, als uns davon abzuhalten. Das Gebet war stets die Königin all unseres Tuns. Es war unsere Erquickung, unser Licht, unsere Hoffnung. 

 

War es in traurigen Stunden unser Trost, so war es in den glücklichen unser Lobgesang. Immer war es die beständige Freude unserer Seele. Es löste uns los von der Erde, von diesem Exil, und erhob uns zum Himmel, zum Vaterland.

 

Nicht ich allein hatte ständig Gott in meinem Innern und brauchte nur auf meinen Schoß zu achten, um dort den Heiligen der Heiligen anzubeten; auch Josef fühlte sich vereint mit Gott, wenn er betete; denn unser Gebet war wahre Anbetung aus unserem ganzen Wesen, das sich in Gott versenkte in der Anbetung und im Gefühl seiner Umarmung.

11. Dezember

... Da erkennt Elisabeth Maria, hebt ihre Arme mit einem freudigen und erstaunten Ausruf zum Himmel und eilt, so gut sie kann, Maria entgegen. Auch Maria, die sonst in ihren Bewegungen immer ruhig ist, läuft nun schnell wie ein junges Reh und erreicht den Treppenabsatz gleichzeitig mit Elisabeth. Maria umarmt mit lebhafter Herzlichkeit ihre Base, die bei ihrem Anblick Freudentränen weint... 

Aber nachdem sie eine Weile wie in sich gesammelt geblieben ist, erhebt sie ihr Gesicht so strahlend, dass sie ganz verjüngt erscheint; lächelnd und mit einer Ehrfurcht, als erblicke sie einen Engel, verneigt sie sich tief und sagt: "Du bist gebenedeit unter den Frauen! Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes! Wie habe ich es verdient, dass zu mir, deiner Dienerin, die Mutter meines Herrn kommt? Sieh: beim Ton deiner Stimme jubelte das Knäblein in meinem Schoß, und als ich dich umarmte, hat der Geist des Herrn erhabene Wahrheiten zu meinem Herzen gesprochen. Selig bist du, weil du geglaubt hast, dass bei Gott auch das möglich sei, was dem menschlichen Verstand unmöglich erscheint! Gebenedeit bist du, denn durch deinen Glauben lässt du die Verheißungen in Erfüllung gehen, die der Herr dir gegeben und die von den Propheten für diese Zeit vorausgesagt worden sind! Gebenedeit bist du, weil du den Nachkommen Jakobs das Heil gebären wirst! Gebenedeit bist du, weil du meinem Sohn die Heiligkeit gebracht hast; denn ich fühle, dass er aufhüpft wie ein fröhliches Zicklein in meinem Schoß; denn er fühlt sich befreit von der Last der Schuld und dazu berufen, der Vorläufer zu sein, der geheiligt ist vor der Erlösung durch den Heiligen, der in dir heranwächst!"

Maria ruft nun unter Tränen, die wie Perlen aus den Augen zum lächelnden Mund herabfließen, und mit zum Himmel erhobenem Blick und Händen, in einer Körperhaltung, die später so oft ihr Jesus annehmen wird: "Hochpreise meine Seele den Herrn", und fährt fort mit dem Lobgesang, so wie er uns überliefert ist. Zum Schluss, beim Vers: „Er hat sich Israels, seines Knechtes, angenommen usw.“, kreuzt sie die Hände über der Brust und verneigt sich bis zur Erde, in die Anbetung Gottes versunken.

12. Dezember

Base Elisabeth zu Maria:

"Mein Zacharias ist stumm, weil er nicht geglaubt hat. Es tut mir so weh, ihn stumm zu sehen!" Elisabeth weint. "Wenn er schreibt, da er ja nicht mehr mit mir sprechen kann, dann scheint es mir, als seien Berge und Meere zwischen mir und meinem Zacharias. Nach vielen Jahren süßer Worte schweigt sein Mund nun. Gerade jetzt, da es so schön wäre, über das zu sprechen, was kommen soll. Ich unterlasse es sogar zu reden, um nicht zusehen zu müssen, wie er sich abmüht, mir durch Zeichen zu antworten. Ich habe so viel geweint! Wie sehr habe ich mich nach dir gesehnt, Maria! Die Leute beobachten, reden, kritisieren. Die Welt ist nun einmal so. Und wenn man Sorgen oder Freuden hat, braucht man Verständnis, nicht Kritik. Jetzt scheint mir das Leben wieder ganz anders, viel besser; ich fühle die Freude in mir, seit du bei mir bist. Ich fühle, dass meine Prüfung vorübergeht; dass ich bald glücklich sein werde. So wird es sein, nicht wahr? Ich ergebe mich in alles. Aber wenn Gott doch meinem Gatten verzeihen möchte! Wenn ich ihn doch wieder beten hörte, wie früher!"

 

 

13. Dezember

"Ich kann die Stunde nicht erwarten, Mutter zu werden. Mein Kind! Mein Jesus! Wie wird er aussehen?"

"Schön wie du, Maria."

"O nein! Viel schöner! Er ist Gott. Ich bin seine Magd. Ich wollte sagen: wird er blond sein oder braun? Wird er Augen haben wie der blaue Himmel oder wie die Hirsche in den Bergen? Ich stelle ihn mir viel schöner vor als einen Cherub, mit goldenen Haaren, mit Augen in der Farbe des galiläischen Meeres, wenn die Sterne beginnen, am Himmel zu erscheinen, mit einem Mündlein klein und rot wie der Riss eines Granatapfels, der eben an der Sonne gereift und aufgesprungen ist; und mit Bäckchen wie die bleichen Rosen dieses Rosenstockes; und zwei Händchen, die in einem Lilienkelch Platz finden könnten, so klein und schön; und zwei Füßchen, die in die Höhlung meiner Hand passen würden, weich und zart wie Blütenblättlein. Schau! Ich entnehme die Vorstellung, die ich mir von ihm mache, den schönen Dingen der Natur. Ich höre schon seine Stimme. Er wird weinen, wenn er Hunger verspürt oder müde ist, mein Kleiner; zum großen Leid seiner Mutter, die ihn nicht weinen sehen kann...

In seinem Lächeln wird er mir mein Herz, das verliebt ist in mein Kind, zum Himmel machen; ich darf ja in ihn verliebt sein, denn er ist mein Gott und ihn als Verliebte lieben, widerspricht nicht meiner gottgeweihten Jungfrauschaft."

14. Dezember

Elisabeth bei der Geburt von Johannes des Täufers:

"Maria! Welche Schmerzen muss man leiden, um Mutter zu werden!" Maria streichelt sie liebevoll und küsst sie. "Maria, lass mich meine Hände auf deinen Schoß legen!"

"Oh! Wenn ihr in eurem Leid mich stets um dieses bitten würdet! Ich bin die ewige Trägerin Jesu. Er ist in meinem Schoß, wie eine Hostie in der Monstranz. Wer zu mir kommt, findet ihn. Wer sich auf mich stützt, berührt ihn. Wer sich zu mir wendet, spricht mit ihm. Ich bin sein Gewand. Er ist meine Seele. Noch viel mehr als während der neun Monate, da er in meinem Schoß heranwuchs, ist der Sohn nun mit seiner Mutter verbunden; und so schläfert er jeden Schmerz ein, jede Hoffnung blüht auf und jegliche Gnade kommt über den, der zu mir eilt und sein Haupt an meinen Mutterschoß legt."

15. Dezember

Auch Josef hatte seine Passionszeit; sie begann in Jerusalem, als ihm mein Zustand klar wurde. Und sie dauerte tagelang, wie für Jesus und für mich. Und es war kein geringer seelischer Schmerz… Oh! Wie schmerzlich war unsere erste Passionszeit! Wer könnte ihre tiefe, stille Intensität beschreiben, wer meinen Schmerz, da ich feststellen musste, dass der Himmel mich noch nicht erhört und mein Geheimnis noch nicht enthüllt hatte; dass Josef es nicht kannte, sah ich an seinem Verhalten mir gegenüber, das wie üblich war. 

Wenn er gewusst hätte, dass ich in mir das Wort Gottes trug, hätte er dieses in meinem Schoß verschlossene Wort mit Akten der Verehrung, wie sie Gott gebühren, angebetet; er hätte sie nicht unterlassen, ebenso wie ich mich nicht geweigert hätte, sie entgegenzunehmen, nicht für mich, sondern für den, den ich in mir trug. 

Wer kann meinen Kampf gegen die Niedergeschlagenheit beschreiben, die mich überwältigen wollte, um mich zu überzeugen, dass ich vergeblich auf den Herrn gehofft hatte? Oh! Ich glaube, es war die Wut Satans! Ich fühlte, wie der Zweifel hinter meinen Schultern auftauchte und mit seinen kalten langen Krallen meine Seele zu umklammern und zu halten versuchte, um sie vom Gebet fernzuhalten. Zweifel ist gefährlich, ja tödlich für den Geist.

16. Dezember

Wer kann den Schmerz Josefs wahrheitsgetreu beschreiben, seine Gedanken und die Verwirrung seiner Gefühle? Wie eine kleine, von einem großen Sturm ergriffene Barke befand er sich in einem Wirbel sich widersprechender Gedanken, in einem Netz peinlicher und grausamer Überlegungen, eine schmerzhafter als die andere. Er war ein Mann, der dem Schein nach von seiner Frau verraten worden war. Er sah seinen guten Namen und die Achtung in der Welt zusammenbrechen; er stellte sich schon vor, dass man ihretwegen mit Fingern auf ihn zeigen und ihn im ganzen Ort bedauern würde. Er sah seine Liebe und Hochachtung zu mir zu Tode getroffen durch die Offensichtlichkeit der Tatsache. Seine Heiligkeit erstrahlt hier noch erhabener als die meine. Und ich gebe dies Zeugnis mit meiner Liebe als Frau, weil ich will, dass ihr ihn liebt, meinen Josef, diesen weisen und klugen, diesen geduldigen und guten Menschen, der vom Geheimnis der Erlösung nicht ausgeschlossen ist, sondern mit ihm aufs innigste verbunden ist, denn er litt den Schmerz für das Geheimnis und verzehrte sich selbst dafür, er rettete euch den Erlöser durch den Preis seines Opfers und seiner großen Heiligkeit.

17. Dezember

Wäre Josef weniger heilig gewesen, so hätte er menschlich gehandelt und mich als Ehebrecherin verklagt, damit ich gesteinigt würde und die Frucht meiner Sünde mit mir zugrunde ginge. Wäre er weniger heilig gewesen, so hätte ihm Gott das Licht der Erleuchtung in dieser Prüfung nicht geschenkt.

Aber Josef war heilig. Sein reiner Geist lebte in Gott. Die Liebe in ihm war glühend und stark. Und durch diese Liebe rettete er euch den Erlöser, da er mich nicht bei den Ältesten verklagte; und später ließ er in bereitwilligem Gehorsam alles zurück, um Jesus nach Ägypten zu führen und zu retten.

18. Dezember

Ein kräftiges Klopfen an der Außentür des Hauses lässt Maria auffahren. Sie legt Spinnrocken und Spindel nieder und geht, um zu öffnen. Wenn auch ihr Gewand noch so locker und weit ist, es gelingt ihm nicht vollständig, die Rundung des Leibes zu verbergen.

Vor ihr steht Josef. Maria erbleicht bis zu den Lippen. Jetzt gleicht ihr Antlitz einer Hostie, so blutleer ist es. Maria schaut ihn an mit einem traurigen, fragenden Blick. Josef sieht sie an mit fast flehenden Augen. Schweigend schauen sie sich an. Maria öffnet den Mund: "Zu dieser Stunde, Josef? Brauchst du etwas? Was willst du mir sagen? Komm!"

Josef tritt ein und schließt die Tür. Er spricht noch nicht.

"Sprich, Josef! Was willst du von mir?"

"Dein Verzeihen." Josef beugt sich nieder, als wollte er niederknien. Aber Maria, sonst immer so zurückhaltend, ihn zu berühren, fasst ihn entschlossen bei den Schultern und hindert ihn daran. Die Farbe im Antlitz Marias wechselt ständig. Bald ist sie ganz rot, bald schneeweiß wie vorher. "Mein Verzeihen! Ich habe dir nichts zu verzeihen, Josef. Ich kann dir immer nur danken für alles, was du hier drinnen während meiner Abwesenheit getan hast, und für die Liebe, die du mir entgegenbringst."

Josef schaut sie an, und ich sehe, wie sich zwei große Tränen in der Höhlung seiner tiefen Augen bilden; sie stehen wie auf dem Rand eines Gefäßes und rollen dann über Wangen und Bart. "Verzeih, Maria! Ich habe dir misstraut. Jetzt weiß ich. Ich bin nicht würdig, einen solchen Schatz zu besitzen. Ich habe gegen die Liebe gefehlt, ich habe dich in meinem Herzen angeklagt. Ich habe dich ungerechterweise angeklagt, denn ich habe dich nicht nach der Wahrheit gefragt. Ich habe gegen das Gesetz Gottes gefehlt, weil ich dich nicht geliebt habe, wie ich mich selbst geliebt hätte...".

"Oh! Nein! Du hast nicht gefehlt!"

"Doch, Maria! Wenn ich eines solchen Fehlers angeklagt worden wäre, hätte ich mich verteidigt. Du jedoch... Ich habe dir nicht ermöglicht, dich zu verteidigen, denn ich war daran, Entscheidungen zu treffen, ohne dich zu fragen. Ich habe gegen dich gefehlt, weil ich dich mit meinem Verdacht beleidigt habe. Schon ein Verdacht ist eine Beleidigung, Maria. Wer Verdacht schöpft, versteht nicht. Ich habe dich nicht verstanden, wie ich hätte sollen. Aber um des Schmerzes willen, den ich gelitten habe... drei Tage der Qual, verzeih mir, Maria!"

"Ich habe dir nichts zu verzeihen. Im Gegenteil: ich bitte dich um Verzeihung für den Schmerz, den ich dir bereitet habe."

"O ja, das war ein Schmerz! Welch ein Schmerz! Schau: heute Morgen hat man mir gesagt, dass ich um die Schläfen weiß geworden bin, dass ich im Gesicht Falten habe. Um mehr als zehn Lebensjahre bin ich in diesen Tagen älter geworden! Aber warum, Maria, bist du so demütig gewesen, vor mir, deinem Bräutigam, deinen Ruhm zu verbergen und hast gestattet, dass ich dich verdächtigte?"

Josef kniet nicht mehr, aber er steht so gebeugt da, dass es fast so scheint. Maria legt ihre kleine Hand auf sein Haupt und lächelt.

19. Dezember

Maria ist nun also eine wirkliche "Frau" geworden, voller Würde und Anmut. Auch ihr Lächeln hat sich umgewandelt in Milde und Majestät. Wie ist sie schön! 

Josef tritt ein. Er scheint vom Dorf zu kommen, denn er kommt durch die Haustür, nicht von der Werkstatt her. Maria erhebt das Haupt und lächelt ihm zu. Auch Josef lächelt. Aber es scheint, als falle es ihm schwer, wie einem, der Sorgen hat. Maria beobachtet ihn mit fragendem Blick. Dann erhebt sie sich, um Josef den Mantel abzunehmen, faltet ihn und legt ihn auf eine Truhe. 

Josef setzt sich an den Tisch, stützt einen Ellbogen darauf und legt den Kopf in die Hand, während er mit der anderen, in Gedanken versunken, immer wieder durch den Bart fährt. 

"Hast du Sorgen, die dich plagen?“, fragt Maria. „Kann ich dir helfen?"

"Du bist mir immer Trost, Maria; aber jetzt bin ich sehr besorgt um deinetwillen." 

"Um meinetwillen, Josef? Und warum?" 

"Ein Erlass ist an der Synagogentüre angeschlagen worden. Eine Volkszählung aller Bewohner Palästinas ist angeordnet worden und man muss sich am Herkunftsort einschreiben lassen. Wir müssen nach Bethlehem gehen...“ 

"Oh!", unterbricht ihn Maria und legt die Hände auf ihren Schoß. 

"Das erschreckt dich, nicht wahr? Es wird mühevoll sein, ich weiß es." 

"Nein, Josef. Es ist nicht das. Ich denke... ich denke an die Heilige Schrift: Rachel, die Mutter Benjamins und Frau Jakobs, aus dem der Stern hervorgehen wird, der Erlöser. Rachel ist begraben in Bethlehem, von dem es heißt: "Und du Bethlehem Ephrata, du bist die kleinste Stadt im Stamme Juda, aber aus dir wird hervorgehen der Herrscher" (Mich 5,2). Der Herrscher, der dem Geschlecht David verheißen worden ist, Er wird dort geboren werden..." 

"Glaubst du... glaubst du, dass es schon Zeit ist? Oh! Was sollen wir tun?" 

Josef ist völlig verwirrt. Er schaut mit mitleidigen Augen auf Maria.

20. Dezember

Maria spricht: 

"Ich brauche nicht viel hinzuzufügen, denn meine Worte sind schon Belehrung. 

Ich möchte jedoch die Aufmerksamkeit der Frauen auf Folgendes lenken. Gar viele Ehen geraten in Unordnung durch die Schuld der Frauen, die nicht jene Liebe besitzen, die alles ist: Freundlichkeit, Mitleid und Trost dem Gatten gegenüber. Auf dem Mann lastet nicht das körperliche Leiden, das die Frau bedrückt. Aber alle seelischen Sorgen lasten auf ihm. Der Zwang der Arbeit; die Entscheidungen, die zu fällen sind; die Verantwortung gegenüber den Behörden und gegenüber der eigenen Familie... Oh, wie viele Dinge lasten doch auf dem Mann! Und wie sehr bedarf auch er des Trostes! Der Egoismus ist oft so groß, dass die Frau dem müden, entmutigten, verkannten und besorgten Mann auch noch die Last ihrer unnützen und vielfach ungerechtfertigten Klagen aufbürdet. All das, weil sie egoistisch ist. Sie liebt nicht. 

Lieben heißt nicht, für sich selbst Befriedigung in der Sinnlichkeit und im Gewinn suchen. Lieben heißt, den Geliebten über das Sinnliche und Nützliche hinaus im Geist zu befriedigen; heißt, seinem Geist die Stütze zu sein, die er nötig hat, um seine Flügel offen halten zu können im Himmel der Hoffnung und des Friedens."

21. Dezember

Ich sehe eine Landstraße. Eine große Menge belebt sie. Esel, beladen mit Hausrat und Personen, kommen und gehen. Die Leute spornen ihre Reittiere an und die Fußgänger gehen eilig, denn es ist kalt. Maria sitzt auf einem grauen Esel, ganz eingewickelt in einen schweren Mantel. Vor dem Sattel ist die Truhe befestigt, die ich schon auf der Reise nach Hebron gesehen habe, und auf dieser befindet sich ein Kästchen mit den notwendigsten Dingen.

Josef geht an der Seite und hält die Zügel. "Bist du müde?", fragt er von Zeit zu Zeit. Maria schaut ihn lächelnd an und antwortet: "Nein." Nach dem dritten Mal fügt sie hinzu: "Du wirst müde sein, da du zu Fuß gehst."

"Oh, ich! Das macht mir nichts aus. Ich denke, wenn ich noch einen zweiten Esel gefunden hätte, hättest du es bequemer gehabt und wir kämen schneller vorwärts. Aber ich habe keinen mehr gefunden. Alle brauchen jetzt die Reittiere. Aber Mut! Bald sind wir in Bethlehem. Hinter jenem Berg ist Ephrata." 

Sie schweigen. Wenn die Jungfrau schweigt, scheint sie sich zum inneren Gebet zu sammeln. In ihre Gedanken versunken, lächelt sie sanft. Sie blickt auf die Menge, doch scheint sie nicht Männer und Frauen, Alte und Hirten, Reiche und Arme zu unterscheiden; sie sieht das, was nur sie sehen kann. 

"Hast du kalt?", fragt Josef; denn es hat sich ein Wind erhoben. 

"Nein, danke".

Aber Josef glaubt ihr nicht. Er betastet ihre mit Sandalen bekleideten Füße, die seitlich des Eselchens herabhängen und die man kaum unter dem langen Gewand hervorragen sieht. Sie müssen sich wohl kalt anfühlen, denn er schüttelt den Kopf und nimmt eine Decke, die er sich umgehängt hatte und wickelt sie um die Beine Marias; er zieht sie auch über den Schoß, so dass die Hände unter Decke und Mantel gut warm bleiben.

22. Dezember

Sie begegnen einem Hirten, der mit seiner Herde die Straße überquert, um von einer Weide auf der rechten Seite zu einer auf der linken zu gelangen. Josef wendet sich ihm zu, um ihm etwas zu sagen. Der Hirte nickt. Josef nimmt den Esel an den Zügeln und zieht ihn hinter der Herde auf die Weide. Der Hirte holt einen einfachen Napf aus der Tasche, melkt ein großes Schaf mit vollem Euter und gibt den Napf Josef, der ihn Maria anbietet. 

"Gott segne euch beide!", sagt Maria. "Dich für deine Liebe und dich für deine Güte. Ich werde für dich beten." 

"Kommt ihr von weit her?" 

"Von Nazareth", antwortet Josef. 

"Und wohin geht es?" 

"Nach Bethlehem." 

"Eine weite Reise für eine Frau in diesem Zustand. Ist es deine Frau?" 

"Es ist meine Frau." 

"Habt ihr jemanden, der euch Unterkunft geben wird?" 

"Nein." 

"Schlimme Sache! Bethlehem ist voller Menschen, die von überall her gekommen sind, um sich einschreiben zu lassen, oder auf der Durchreise sind. Ich weiß nicht, ob ihr eine Unterkunft finden werdet. Kennst du den Ort?“ 

"Nicht besonders."

"Nun... ich werde dir etwas sagen... um ihretwillen (er zeigt auf Maria). Sucht die Herberge! Alles wird besetzt sein. Aber ich sage es euch, damit ihr einen Anhaltspunkt habt: Dort ist ein großer Platz, der größte. Man gelangt auf dieser Landstraße zu ihm. Ihr könnt nicht fehl gehen. Vor der Herberge ist ein Brunnen. Sie ist groß und niedrig, mit einem großen Eingangstor. Sie wird voll sein. Wenn ihr aber in der Herberge und in den Häusern keinen Platz findet, dann geht hinter der Herberge den Feldern zu. Dort sind Ställe im Berg, die den Händlern auf dem Weg nach Jerusalem manchmal dazu dienen, ihre Tiere einzustellen, wenn für diese in der Herberge kein Platz mehr ist. Sie sind feucht und kalt und ohne Türen. Aber sie sind immerhin eine Zuflucht; denn die Frau... darf nicht auf der Straße bleiben. Vielleicht findet ihr dort einen Platz... und Heu zum Schlafen und für den Esel. Gott möge euch begleiten!" 

"Und Gott schenke dir Freude!", erwidert Maria. Josef hingegen sagt: "Der Friede sei mit dir!"

23. Dezember

"Sieh, nun sind wir in der Heimat Davids, Maria. Jetzt wirst du ausruhen können. Du scheinst sehr müde zu sein." 

"Nein, ich dachte... ich denke..." Maria ergreift die Hand Josefs und sagt mit einem seligen Lächeln: "Ich denke, dass gerade jetzt die Zeit gekommen ist." 

"Gott der Barmherzigkeit! Was machen wir?" 

"Habe keine Angst, Josef! Sei geduldig! Siehst du, wie ruhig ich bin?" 

"Aber du leidest doch wohl sehr." 

"O nein! Ich bin voller Freude. Eine Freude, so groß, so stark, so schön und unfassbar, dass mein Herz ganz laut schlägt und zu mir sagt: "Er kommt! Er kommt!" Es sagt dies bei jedem Schlag. Es ist mein Kind, das an mein Herz pocht und spricht: "Mama, ich bin hier und komme, dir den Kuss Gottes zu geben. Oh, welch eine Freude, mein Josef!" 

Aber Josef ist nicht so freudetrunken. Er denkt an die Dringlichkeit, eine Unterkunft zu finden, und beschleunigt seine Schritte. An jeder Tür fragt er. Alles besetzt. Sie kommen zur Herberge. Diese ist überfüllt bis unter die primitiven Säulengänge, die den großen Innenhof umgeben. Alles voller Leute, die biwakieren. 

Josef lässt Maria auf dem Esel drinnen im Hof zurück und geht, um in anderen Häusern zu suchen. Entmutigt kehrt er zurück. Es ist nichts zu finden.

Adventkalender 2017

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